Eigentlich sollte ich es besser wissen.
Und trotzdem ertappe auch ich mich manchmal dabei.
Jemand erzählt von einer Aktie oder einem ETF, der gerade gut läuft oder viel Potenzial haben soll, und plötzlich denke ich: Sollte ich da nicht doch noch einsteigen?
Als der Krieg mit dem Iran begann und an den Börsen alles rot war, kamen mir einige Gedanken, einen Teil meiner Anlagen abzusichern. Gesagt, getan: Ich platzierte Stop-Orders und einige davon wurden ausgelöst. Bei vielen dieser Aktien habe ich danach den Wiedereinstieg nicht mehr gefunden und, im Nachhinein betrachtet, Gewinne liegen lassen. Im Nachhinein ist man eben immer schlauer.
Kommt dir das bekannt vor: diese Gedanken wie «Vielleicht wäre jetzt verkaufen (oder kaufen) doch keine schlechte Idee? Oder man sieht eine Position tiefrot im Portfolio und denkt: «Die behalte ich noch ein bisschen. Die kommt bestimmt wieder.»
Beim Investieren ist oft nicht das Wissen über Aktien, ETFs oder wirtschaftliche Zusammenhänge die Herausforderung. Sondern unser eigenes Verhalten.
Genau damit beschäftigt sich die Behavioural Finance. Und einige der Forschungsergebnisse zum Ausmass welche Wirkung unser Verhalten auf das Ergebnis haben kann, die ich dazu gelesen habe, finde ich echt spannend und können vielleicht auch dir helfen, solche Anlagefehler in Zukunft zu vermeiden.
Was ist Behavioural Finance?
Behavioural Finance untersucht, wie wir Finanzentscheidungen tatsächlich treffen. Und nicht, wie wir sie theoretisch treffen sollten.
Die klassische Finanztheorie ging lange davon aus, dass Anleger:innen rational handeln: Wir wägen alle Informationen ab, kennen unsere Risiken und entscheiden logisch.
Die Realität sieht anders aus. Wir lassen uns von Emotionen, Schlagzeilen und früheren Erfahrungen leiten. Oft auch dann, wenn diese mit der aktuellen Entscheidung wenig zu tun haben.
Geprägt haben das Forschungsfeld unter anderem die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky. Eine ihrer bekanntesten Erkenntnisse: Ein Verlust schmerzt uns etwa doppelt so stark, wie uns ein gleich hoher Gewinn freut. Kahneman erhielt dafür 2002 den Wirtschaftsnobelpreis, 2017 folgte Richard Thaler für seine Arbeit in diesem Bereich.
Das Spannende daran: Diese Denkfallen haben wenig mit fehlendem Wissen zu tun. Sie passieren Einsteiger:innen genauso wie Profis. Ausschalten können wir sie nicht. Aber wenn wir sie kennen, erkennen wir sie schneller, bevor sie uns Rendite kosten.
Nur 10 Tage können ein grosser Fehler sein
Eine Situation, die wahrscheinlich viele von euch kennen: Die Börse fällt und wir überlegen, lieber auszusteigen und wieder einzusteigen, wenn sich alles beruhigt hat.
Klingt vernünftig. Ist in der Praxis aber ziemlich schwierig.
Eine Berechnung von J.P. Morgan zeigt, wie gross der Unterschied sein kann: Wer über den untersuchten Zeitraum von 20 Jahren vollständig investiert blieb, erzielte eine annualisierte Rendite von 10,5 Prozent. Wer nur die zehn besten Börsentage verpasste, kam noch auf 6,2 Prozent.
Das sind 4,3 Prozentpunkte Renditeunterschied. Wegen nur 10 verpassten Börsentagen.
Die Herausforderung: Gute und schlechte Börsentage können sehr nahe beieinanderliegen. Wer nach heftigen Kursverlusten aussteigt, läuft deshalb Gefahr, auch bei einer schnellen Erholung nicht dabei zu sein (so wie es mir mit meinen Stop Orders ging, die ausgelöst wurden).
Für mich ist die Erkenntnis daraus nicht, dass man niemals etwas verkaufen sollte, sondern: Wenn du langfristig investierst, sollten kurzfristige Schwankungen allein noch kein Grund sein, an der Anlagestrategie zu schrauben.
Aktivität kann einer der grössten Fehler beim Investieren sein
Viele von uns sind gewohnt: Wenn wir etwas verbessern wollen, müssen wir etwas dafür tun.
Mehr Sport. Mehr lernen. Mehr üben….
An der Börse kann mehr Aktivität aber auch das Gegenteil bewirken.
Brad Barber und Terrance Odean untersuchten 2002 für ihre Studie «Trading Is Hazardous to Your Wealth» die Depots von 66'465 US-Haushalten. Die Anleger:innen, die am meisten handelten, erzielten eine jährliche Rendite von 11,4%. Der Markt erzielte im gleichen Zeitraum 17,9%.
Natürlich bedeutet eine Studie aus dem Jahr 2002 nicht, dass jeder Trade schlecht, oder dies immer so ist.
Handle ich gerade, weil ich bewusst eine kurzfristige Chance nutzen will? Weil sich an meinem Investment tatsächlich etwas verändert hat? Oder einfach, weil ich das Gefühl habe, etwas tun zu müssen?
Wenn wir uns zu sehr vertrauen
Warum handeln manche Anleger:innen so viel? Eine mögliche Erklärung ist Selbstüberschätzung – ein weiterer teurer Anlagefehler.
Wer glaubt, den Markt besser einschätzen zu können als andere, handelt öfter. Und genau das kann teuer werden.
Brad Barber und Terrance Odean untersuchten in einer weiteren Studie («Boys Will Be Boys», 2001) rund 35'000 Haushalte und verglichen das Verhalten von Männern und Frauen. Das Ergebnis: Männer handelten 45% mehr als Frauen. Das häufige Handeln reduzierte ihre jährliche Rendite um 2,65 Prozentpunkte, bei Frauen waren es 1,72 Prozentpunkte.
Heisst das, dass Frauen die besseren Anlegerinnen sind? Nicht unbedingt. Auch Frauen verloren durch zu viel Aktivität Rendite. Die Studie zeigt vor allem: Je selbstsicherer wir sind, desto eher greifen wir ein. Und desto mehr kostet uns das.
Für mich ist das eine gute Erinnerung, die eigene Überzeugung ab und zu kritisch zu hinterfragen. Gerade dann, wenn ich mir besonders sicher bin.
Wir lieben die Gewinner von gestern. Kostet uns das wirklich Rendite?
Eine Aktie, ein Fonds oder ein Anlagethema läuft hervorragend und plötzlich wollen alle dabei sein. Je besser die vergangene Performance aussieht, desto attraktiver erscheint das Investment.
Morningstar untersucht in seiner «Mind the Gap»-Studie seit Jahren die Differenz zwischen den Renditen von Fonds und jener Rendite, die Anleger:innen mit ihren tatsächlich investierten Dollars erzielen.
Im Report 2025 lag die durchschnittliche Fondsrendite über den untersuchten Zehnjahreszeitraum bei 8,2% pro Jahr. Der durchschnittlich investierte Dollar kam auf 7,0%.
Die Lücke: 1,2 Prozentpunkte pro Jahr.
Interpretiert wurde dies als Tatsache, dass Anleger:innen durch schlechtes Timing und das Hinterherlaufen vergangener Renditen einen erheblichen Teil ihrer möglichen Rendite verschenken. Doch genau diese Aussage wird jetzt von einer neuen, 2026 im Financial Analysts Journal veröffentlichten Studie in Frage gestellt.
Die Forschenden untersuchten die Morningstar-Methodik und kamen zu einem anderen Ergebnis: Ein grosser Teil des gemessenen «Return Gap» könnte durch die Berechnungsmethode entstehen und nicht durch tatsächlich schlechtes Timing. Geschätzt wurde der jährliche negative Timing Effekt auf 0,1 Prozentpunkte (statt 1,2 %).
Das heisst nicht, dass Timing keine Rolle spielt. Auch die Forschenden weisen darauf hin, dass einzelne Anleger:innen oder einzelne Fonds durchaus grössere Timing-Verluste erleiden können. Wie viel das ist, wird sich in weiteren Studien wohl zeigen.
Da niemand eine magische Kristallkugel für die Zukunft hat, bleiben historische Daten ein wichtiger Teil unserer Entscheidungsgrundlage. Aber statt einfach dem Gewinner von gestern hinterherzulaufen, finde ich zwei andere Fragen interessant:
Warum möchte ich dieses Investment heute besitzen? Und welches zukünftige Potenzial sehe ich?
Gewinne nehmen wir gerne. Verluste weniger.
Stell dir vor, du hast zwei Aktien im Portfolio. Eine steht deutlich im Plus, die andere tief im Minus.
Welche verkaufst du lieber?
Terrance Odean untersuchte dieses Verhalten. In seiner Studie wurden Gewinner in 14,8% der entsprechenden Möglichkeiten verkauft, Verlierer dagegen nur in 9,8%.
Damit wurden Gewinner rund 50% häufiger verkauft als Verlierer.
Dieses Verhalten heisst Dispositionseffekt. (Terrance Odean, «Are Investors Reluctant to Realize Their Losses?», Journal of Finance, 1998 )
Wir warten gerne, weil einen Gewinn zu realisieren sich gut anfühlt und positive Emotionen auslöst. Einen Verlust zu realisieren bedeutet dagegen, sich einzugestehen: Das ist nicht so gelaufen, wie ich gehofft hatte. Und die Hoffnung stirbt oft zu Letzt.
Da das Warten auch einen Preis hat können diese Fragen nützlich sein, den Dispositionseffekt zu mindern: Sehe ich in dieser Anlage heute noch genügend Potenzial? Wenn nicht: Gibt es etwas Interessanteres, in das ich mein Geld investieren könnte?
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Auch Profis sind gegen Anlagefehler nicht immun
Auch bei professionellen Fondsmanagern zeigt sich immer wieder, wie schwierig es sein kann, einen Markt zu schlagen.
Laut der SPIVA U.S. Scorecard blieben 79 Prozent der aktiv gemanagten US-Large-Cap-Fonds im untersuchten Jahr hinter dem S&P 500 zurück.
Das bedeutet nicht, dass du nur noch in gängige Marktindizes investieren musst. Aktive Strategien können durchaus ihre Berechtigung haben. Idealerweise prüfst du, falls du dir einen aktiven Fonds in dein Portfolio holst, wo der Mehrwert ist, wie dieser entsteht und welche Kosten anfallen.
Der 30-Sekunden-Check vor dem Kaufen oder Verkaufen
Für mich zeigen diese Daten vor allem eines: Erfolgreiches Investieren hat neben der Auswahl an Anlagen und einer durchdachten Anlagestrategie viel mit Disziplin zu tun und wie wir Entscheidungen treffen.
Hier ist eine kurze Gedankencheckliste vor dem Knopfdruck:
- Kann ich in einem Satz erklären, warum ich kaufen oder verkaufen will?
- Kenne ich meinen möglichen Gewinn und Verlust, zumindest als Schätzung?
- Habe ich einen klaren Zeithorizont für diese Anlage?
- Passt die Anlage (noch) in mein Gesamtportfolio?
- Würde ich auch ohne FOMO oder Schlagzeilen so entscheiden?
- Hat sich meine Einschätzung dieser Anlage wirklich geändert?
Muss ich überhaupt etwas tun?
Manchmal kann die beste Anlageentscheidung tatsächlich sein, einfach nichts zu machen.
In der Theorie tönt das alles super. In der Praxis gibt es, wie ihr oben seht, zig Beispiele, bei denen ich trotz Checkliste selbst in die Aktivitätsfalle getappt bin. Vielleicht gehört das auch einfach ein Stück weit dazu. 😉
Wie ist das bei euch? Bei welchem Anlagefehler habt ihr euch schon einmal selbst ertappt?
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